West Highland Way – 1. Hälfte

Wandern in Schottland? Diese Idee ruft entweder totale Begeisterung oder völliges Entsetzen hervor, wenn man darüber spricht, dass man so etwas vorhat. Wir gehören zu der Gruppe mit der völligen Begeisterung, weil wir im Urlaub keinen Wert auf 30 Grad, Sonne und Strand legen. Also haben wir letztes Jahr beschlossen, dass wir dieses Jahr den West Highland Way wandern wollen und uns dann im Laufe diesen Jahres an die Feinplanung incl. Buchung der Übernachtungen gemacht. Denn ja, wir haben keine Angst vor schottischem Wetter im Urlaub, aber eine bequeme Unterkunft darf es dann schon sein und dafür muss man – anders für die (wild) Camping-Option relativ früh buchen, denn die Zahl der etwas komfortableren Unterkünfte ist nicht so riesig entlang des Wegs.

West Highland Way Startbogen

West Highland Way Startbogen in Milngavie

Wer wissen möchte, wie Wandern in Schottland so ist, kann dann hier weiterlesen.

Anfang September war es dann so weit. Flug nach Glasgow und dann mit dem Zug nach Milngavie dem Startpunkt des Wegs, ein bisschen nördlich von Glasgow. Wir übernachten dort, um nicht nachmittags, sondern am nächsten Morgen starten zu können. Im Hotel scheinen wir nicht die einzigen Wanderer zu sein…

Milngavie ist ein eher verschlafenes Nest. Nach den Erfahrungen in Oberstdorf, wo der E5 für die meisten Leute startet, erwarten wir großen Trubel und einen Outdoor-Laden neben dem nächsten, aber hier sehen wir noch nicht mal einen und mehrheitlich Anwohner, aber wenig Touris. Zur Sicherheit machen wir im sonnigen Abendlicht schonmal ein Foto am Obelisken, der den Startpunkt markiert, aber am nächsten Morgen merken wir, das wäre nicht nötig gewesen, die Sonne scheint.

Die erste Etappe ist gute 20km lang und führ uns nach Drymen. Der Weg ist ganz abwechslungsreich, wenn auch ein bisschen zu viel Straße/Asphalt für unseren Geschmack dabei ist, vor allem gegen Ende. Unterwegs treffen wir viele verschiedene Wanderer – alleine und in kleinen Gruppen von 2-4 Personen, selten mehr. Zwischendurch auch Einheimische beim Joggen mit und ohne Hund, sowie Radfahrer.

Craigallian Loch

Craigallian Loch

Für alle Strick-Affinen: am ersten Tag läuft man übrigens am Garten von Kate Davies vorbei, aber leider ist sie nicht gerade mit ihrem Hund spazieren gegangen, als wir dort waren. Und so sieht es dort aus:

Landschaft

Landschaft

Ungefähr auf der Hälfte der Strecke, führt der Weg nur gute 200m an der Destillerie von Glengoyne vorbei, wohin wir einen kurzen Abstecher machen und sowohl die Toiletten aufsuchen als im Shop ein paar Miniaturen einkaufen, damit wir für die nächsten Abende etwas Vorräte haben. Während wir dort „überdacht“ sind, geht ein kleiner Schauer runter.

Wegweise und Glengoyne

Wegweise und Glengoyne

Und nur ca 15 Minuten weiter kommt dann ein Gasthaus, wo wir zum Mittagessen einkehren. Währenddessen geht der nächste Schauer nieder. Das Timing ist gut. Frisch gestärkt und bei wieder trockenem Himmel nehmen wir die zweite Etappe in Angriff. Die Beschreibungen im Wanderführer (wir haben uns für die englische Variante der Trailblazer-Serie entschieden) sind präzise und gut, ebenso ist die Beschilderung entlang des Wegs nicht zu verfehlen.

Gegen Ende des Tags sind wir etwas k.o. und müssen viel Straße laufen. Zur Aufheiterung trägt dieses Schild bei, da wir uns genau so fühlen:

Slow Hobbits

Slow Hobbits

Endlich kommt Drymen in Sicht. Es sind nur noch ein paar hundert Meter bis zu unserer Unterkunft, aber es kostet mich echt ziemliche Willenskraft, meine Beine diese paar Meter weiterzubewegen, alles tut mir weh.

Dann stehen wir vor unserer Unterkunft einer zum B&B umgebauten ehemaligen Kirche (Kip in the Kirk). Sehr nett. Es ist niemand da, aber eine Telefonnummer ist angegeben. So erfahren wir, wie wir rein kommen und welches Zimmer wir beziehen dürfen. Nachdem die meisten Gäste eingetroffen sind, gibt es Tee, Kaffee und Scones für alle, lecker und sehr gemütlich.

Abends gehen wir bei strömendem Regen ein paar Meter bis zum Pub. Als Vorspeise geben wir uns eine dieser kleinen Tüten Chips, die man in GB an jeder Ecke bekommt, denn wir (also vor allem ich!) brauchen dringend was zu essen. Und ich bekomme extrem leckere Muscheln in einer Tomaten-Sahne-Soße. Hmmmm.

Beim Frühstück kommen wir noch mit unserer Gastgeberin und anderen Gästen ins Gespräch, es entspinnt sich ein Fachgespräch zwischen dem Alsterjogger und der Gastgeberin über’s Laufen, denn sie läuft auch ganz viel und möchte unbedingt den West Highland Way mal am Stück laufen. Als sie im letzten Jahr einen Startplatz bekommen hatte, konnte sie verletzungsbedingt nicht antreten. Der Strecken-Rekord liegt bei 14h, wenn ich das richtig im Kopf habe – zur Erinnerung: wir wollen das in 10 Tagen gehen!

Unser Gepäck lassen wir übrigens transportieren. Das war nicht so teuer und so wandern wir bequem mit Tagesrucksäcken. Den Gepäcktransfer bieten mehrere Firmen recht günstig an und man kann das komplett separat buchen, auch wenn man die Unterkünfte individuell gebucht hat. Total praktisch. Man gibt denen eine Liste mit allen geplanten Unterkünften und zahlt 45£ pro Gepäckstück. Die Koffer sind dann vor Ort, wenn man ankommt, z.T. auch schon im Zimmer. Super. Viel entspannter, als alles zu tragen. Und der Preis ist gleich, egal wie viele Stopps man macht. Und ehrlich gesagt, hatten wir trotzdem noch recht großes Tagesgepäck, weil wir natürlich immer Verpflegung, Regensachen, Wechselshirt, eine warme Jacke etc. dabei hatten.

Zweite Etappe: Drymen – Balmaha

Start trocken und fast sonnig nach einer regnerischen Nacht.

Schon wieder ein sehr schöner Weg, bei dem wir immer wieder Blicke auf die Tagesziele Conic Hill und Loch Lomond werfen können. Den Conic Hill könnte man umgehen und relativ eben nach Balmaha gelangen, aber dann verpasst man ja die spektakuläre Aussicht. Also nehmen wir den den Anstieg in Angriff.

Conic Hill und Loch Lomond in Sicht

Conic Hill und Loch Lomond in Sicht

Was auf diesem Weg ein wenig fehlt – und das merken wir recht schnell – sind Sitzgelegenheiten für eine Pause. Wenn man eh mit Campingkram unterwegs ist, findet man es vielleicht auch nicht so schlimm, die Pause auf dem Boden einzunehmen, aber ehrlich gesagt, finde ich den Erholungseffekt für die Beine beim auf dem Boden-Sitzen relativ gering im Vergleich zu Bänken oder ähnlichem. Und wenn der Boden dank nächtlichem Regen eher matschig ist, lädt das auch nur bedingt zum Sitzen ein.

Der Anstieg ist nicht von schlechten Eltern, aber tatsächlich ist die Aussicht oben sehr gut. Der Weg verläuft ein paar Meter unterhalb des eigentlichen Gipfels, aber wir haben noch genug Energie, um tatsächlich raufzusteigen. Oben ist es aber echt kalt und windig. Gut, dass wir so viel Jacken und Mützen im Rucksack haben.

Blick vom Conic Hill auf den Loch Lomond

Blick vom Conic Hill auf den Loch Lomond

Dann der Abstieg, der es richtig in sich hat. Es sind zwar Stufen gebaut, aber diese sind tatsächlich mehr als knietief und ich habe ja schon keine kurzen Beine. Wir freuen uns, nur leichtes Gepäck und keine Campingausrüstung zu tragen. Unten angekommen, liegt nach „nur“ 11km unser Tagesziel auch schon vor uns. Das Oak Tree Inn in Balmaha, am Ufer des Loch Lomond.

Eigentlich war Regen vorhergesagt, aber wir sind trocken geblieben! 😊 Und da wir unser Zimmer noch nicht beziehen können, gönnen wir uns erstmal einen Kakao – meiner bekommt auch noch ein paar Marshmellows.

Belohnung!

Belohnung!

Zimmer und Abendessen sind gut, beim Frühstück treffen wir auf das gleiche englische Paar wie am Vortag und unterhalten uns noch ein wenig mit den beiden. Dann wollen sie aber eine 20km-Etappe + Besteigung des Ben Lomond machen, während wir nur 11km weitergehen.

Ähnlich wie letztes Jahr, haben wir uns die Strecke auf 10 Tage verteilt, viele andere gehen den Weg aber in 6-8 Tagen, manche freiwillig, manche, weil sie kein Zimmer bekommen oder sich mit ihrem Reisebüro missverstanden haben.

Abendstimmung am Loch Lomond in Balmaha

Abendstimmung am Loch Lomond in Balmaha

Etappe 3: Balmaha – Rowerdennan

Heute eine wunderschöne 11km-Etappe bei gutem Wetter. Am Loch Lomond entlang mal direkt am Wasser, mal etwas hügelig durch den angrenzenden Wald am Ufer.

Loch Lomond

Loch Lomond

Strand-Stimmung

Strand-Stimmung

Das Rowerdennan Hotel ist sehr altehrwürdig mit dickem Teppichboden in den Fluren. Wir fühlen uns sehr wohl und genießen einen ruhigen Abend.

Etappe 4:  Rowerdennan – Inversnaid

Immer noch gutes Wetter. Der Weg führt am Seeufer entlang oder durch den Wald, ähnlich wie gestern. Sehr abwechslungsreich.

Weg im Sonnenschein

Weg im Sonnenschein

Immer wieder gibt es Verpflegungsangebote von Anwohnern entlang des Wegs in sogenannten Honesty Boxes, weil es tatsächlich nicht viel Infrastruktur gibt bzw. nicht überall. D.h. es gibt Getränke und Snacks und eine Box, in die man dann 1£ pro genommenem Stück legen sollte. Heute war es fast ein Honesty-Supermarkt.

Honesty Box - Supermarkt

Honesty Box – Supermarkt

Für die Mittagspause haben wir uns warm eingepackt – bei 11 Grad braucht man für’s Picknick dann doch mal die Daunenjacke. Auch wenn hier Engländerinnen in T-Shirts und Shorts unterwegs sind…

Mal wieder Loch Lomond

Mal wieder Loch Lomond

Leichter Regen für 5min nach der Ankunft am Inversnaid Hotel. Dort übernachten wir jedoch nicht, nachdem wir auf diversen Seiten gelesen haben, dass Wanderer dort eher Gäste zweiter Klasse sind und vor allem die Busreisegruppen bevorzugt werden. So haben wir das Angebot unserer Unterkunft, des Inversnaid Hostels, angenommen und uns abholen lassen, das Hostel liegt nämlich einen guten Kilometer bergauf vom Weg entfernt. Das Hostel ist in einer ehemaligen Kirche, das scheint hier sehr verbreitet zu sein. Wir haben uns für das Komfort-DZ entschieden, d.h. wir teilen das Bad nur mit dem Nachbarzimmer…

Inversnaid Hotel

Inversnaid Hotel

Etappe 5: Inversnaid – Crianlarich

Von nervigen deutschen Touristen abgesehen, die quer durch den Frühstücksraum brüllen, dass sie sich schon Kaffee bzw. Toast vom Buffet geholt haben (Fremdschämen!), ist das Frühstück gut. Wir lassen uns wieder zum Weg runterfahren und treffen dabei auf einen Franzosen, der in die Gegenrichtung geht und das, was wir gerade in 4 Etappen gemacht haben in 2 Tagen gehen will  – inclusive vollem Camping-Gepäck. Viel Spaß!

Der Weg erfordert viel Konzentration und Kondition, es geht permament auf und ab über Steine und Wurzeln, dazwischen viel Matsch. Zu unserer Verwunderung überholt uns ein Mountainbiker, der sein Rad hier aber meist trägt. Dieses Wegstück ist schon zu Fuss kein Vergnügen, aber mit dem Rad?

Kurz bevor wir den Loch Lomond nach einigen Tagen endgültig verlassen, gibt es noch eine Schrecksekunde. Um nicht in einen Matsch-See entlang/auf dem Weg zu fallen, hab ich schön nach unten geschaut, wo ich meine Füße hinsetze. Dann ein großer schwungvoller Schritt und  – KRACH. Ich bin mit dem Kopf schwungvoll gegen einen querhängenden Ast gelaufen. Dieser hatte sich heimtückisch oberhalb meiner Hutkrempe versteckt, so dass ich ihn nicht sehen konnte. Es fühlte sich an, wie im Comic, als würden sowohl mein Kopf als auch der Ast vibrieren, aber das fühlte sich wohl nur so an. Der Hut hat meinen Kopf zum Glück vor Schlimmerem geschützt und ich bin mit einer Beule davon gekommen. Nur gut, dass ich nicht vor Schreck in den Matsch gefallen bin… 🤕

immer noch Loch Lomond

immer noch Loch Lomond

Die Mittagspause haben wir im Pub eines Campingplatzes verbracht, wo dann leider auch unsere Deutschen vom Frühstück wieder aufgetaucht sind und uns erneut dazu gebracht haben, dass wir uns vor lauter Fremdscham unsichtbar machen wollten. „Bestell den Salmone für mich“ – schön einmal durch den Saal gebrüllt (und ja, „Salmone“, nicht „Lachs“ oder „Salmon“)…

Der Vormittagsteil ist angeblich das härteste Teilstück des ganzen Wegs, wir sind froh, es hinter uns zu haben. Jetzt kommt Abwechslung:

Weg ohne See

Weg ohne See

Es folgen recht gut zu gehende Passagen durch verschiedene Landschaften, durch einen 1,50m niedrigen Tunnel unter der Bahntrasse, um diese zu kreuzen – super mit einen Rucksack auf. Der Boden des Tunnels ist mit Matsch/Kuhfladen bedeckt, so dass die Option Rucksack vom Rücken nehmen auch nicht so top ist, dann hängen die Bänder im Dreck. Gut, dass wir kein volles Gepäck incl. Zelt & co dabei haben.
Die Landschaft sah immer mehr nach Highlands aus. Zum Schluß kam sogar die Sonne raus, zwischendurch hatte es genieselt. Immer wieder große Pfützen & Matsch gemischt mit Kuhfladen. Davon abgesehen sehr schön zu gehen. Der Weg ist die alte Military Road aus dem 19. Jahrhundert, die uns in den nächsten Tagen noch begleiten wird.

Landidylle

Landidylle

Nach fast 9h unterwegs (incl Pausen, Fotos etc) und gut 21km haben wir in Crianlarich in einem sehr netten B&B Station gemacht.  Crianlarich markiert übrigens die Hälfte des WHW.

Abendsonne!

Abendsonne!

Die Fortsetzung gibt es hier.

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3 Gedanken zu „West Highland Way – 1. Hälfte

  1. Pingback: 019 – Zurück im Alltag – wollgespräche

  2. Danke für den schönen Bericht! Und danke, dass du uns auf unserem lecw.blog folgst! 🙂
    Ich habe mich bei deinem Bericht gewundert, dass a) es scheinbar in der ersten Weghälfte gar nicht geregnet hat, oder? Und b) dass auf deinen Bildern gar nicht so viele Leute drauf sind. Als wir die Strecke Mingavie-Drymen gelaufen sind, war ich erschrocken, wie voll der Weg war! Und es waren echt viieeele Deutsche unterwegs! 🙂
    Viele Grüße von Steffi vom „Land’s End to Cape Wrath Blog“

    • Ja, mit dem Wetter hatten wir richtig Glück. Es hat zwar am ersten Tag auch etwas geregnet, aber da waren wir zum Essen drin bzw. Abends auf dem Weg von der Unterkunft zum Pub.
      Und doch, da waren Leute, aber wir konnten Fotos ohne machen. Nur auf der letzten Etappe war es fast unmöglich, das war eine richtige Völkerwanderung… 😉

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